Digitalisierung

Big Data in der Krankenversicherung

© Mikkelwilliam / iStock
April 18, 2016
Marcel Nickler
Leiter Central Continental Europe
Bearing Point
Markus Franke
Leiter des Servicebereichs Digital & Strategy
Bearing Point

Seit ihrer Erfindung stecken Versicherungen in einem Dilemma: Allein der Kunde weiß, wie riskant er für die Assekuranz tatsächlich ist, und die jeweilige Versicherung muss seinen Angaben zum Gesundheitszustand bislang noch entsprechend vertrauen. Der Lösung dieses Problems versuchen die Versicherer nun mithilfe von Big Data, der massenhaften Sammlung und Auswertung von Daten, einen entscheidenden Schritt näher zu kommen.

Verhaltensbasierte Tarifmodelle

Im Umfeld der Krankenversicherungen bieten immer mehr Versicherer Tarife im Zusammenhang mit Fitnesstrackern beziehungsweise Fitness-Apps an. Diese zeichnen beispielsweise Schlafverhalten, Essgewohnheiten, zurückgelegte Schritte oder Vitalzeichen auf und informieren den Nutzer über Leistungsfortschritte. Die Sensorik wird kontinuierlich von IT-Firmen weiterentwickelt, sodass in Zukunft noch sehr viel genauere Daten erhoben werden können. Zum Beispiel hat Google in Zusammenarbeit mit den Eye-Care-Spezialisten der Novartis-Tochter Alcon eine innovative Kontaktlinse hergestellt und mittlerweile lizenziert. Diese misst permanent den Blutzuckerwert in der Tränenflüssigkeit und sendet die Daten an das Smartphone.

Bereits heute hat AXA Frankreich einen Krankenzusatzversicherungstarif entwickelt, bei dem die Versicherten auf freiwilliger Basis an einem Fitnesswettbewerb teilnehmen können. Je nach Aktivität bekommen die Teilnehmer Rabattcoupons, Gutscheine für Medizinchecks oder gar einen Fitnesstracker gratis. Am Ende des Wettbewerbs steht den Versicherten frei, ob sie die gesammelten Gesundheitsdaten AXA zur Verfügung stellen wollen. 

Solche Tarifmodelle sind in einigen Ländern also schon im Einsatz. Andernorts wird ebenfalls verstärkt, aber dennoch vorsichtig in Richtung verhaltensbasierter Tarife gedacht. Neben der Datengewinnung erhoffen sich die Versicherungsunternehmen, die Lebensweise ihrer Versicherten positiv zu beeinflussen. Eine verbesserte körperliche Fitness soll Gesundheitsrisiken senken und in geringeren Ausgaben auf Seiten der Versicherer resultieren. Für die Zukunft ist es denkbar, dass sich die Prämienhöhe nach dem individuellen Aktivitätsgrad eines Versicherten richtet. Im digitalen Zeitalter teilen viele Deutsche ihre Fitnessdaten über soziale Netzwerke. Auch die Marktdurchdringung von Fitness-Apps nimmt kontinuierlich zu. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens YouGov ist jeder Dritte sogar bereit dazu, diese Daten auch seiner Krankenversicherung zugänglich zu machen. So ist Big Data auch in Bezug auf die Leistungserbringung ein großes Thema und spielt eine zunehmend bedeutsame Rolle. Jedoch birgt dies einige Herausforderungen. Betrüger können zum Beispiel durch digitale Manipulation von Rechnungen auf persönliche Daten zugreifen. Spezielle Software zur Betrugserkennung ist notwendig, um diesem Trend entgegenzuwirken. Darüber hinaus werden aus Millionen von Daten die Behandlungsschritte bei bestimmten Krankheitsbildern analysiert. Weicht ein Fall davon ab, schlägt das System Alarm. Der Fall wird genauer untersucht und falsche Abrechnungen werden zurückgewiesen.

Sind die Bedrohungen durch Big Data ernst zu nehmen?

Mit verhaltensbasierten Tarifen ist der Trend in Richtung Individualisierung vorgegeben. Aber wenn jedes einzelne Risiko genau berechenbar ist, was bedeutet das für die Solidargemeinschaft? Dies war immerhin einmal der ursprüngliche Gedanke hinter dem Geschäftsmodell Versicherung.

Versicherungen reagieren derzeit noch mit einer Art von freiwilliger Selbstverpflichtung. Zu hören sind heute Sätze wie: »Wir nutzen die Daten nicht für die Selektion von Neukunden, sondern nur für die Schaffung von Bonussystemen« oder »Daten aus Fitnesstrackern sind vielleicht gut für Rabatte, aber niemals stabil genug für unser Aktuariat«. Aber wird dies auch in den kommenden Jahren so bleiben? Und was bedeutet das für den Kunden?

Mit der dauerhaften Überwachung erlaubt der Versicherte weite Einblicke in seinen Alltag. Es könnten persönliche Verhaltensprofile erstellt werden, deren Bekanntheit möglicherweise nicht im Interesse des Versicherten ist. Der Austausch und mitunter die Abhängigkeit von Daten bergen Risiken der Eigen- und Fremdschädigung. Ein Blick über die Grenzen zeigt bereits heute, dass die erhobenen Daten zu Lasten der Kunden gehen können. Wenig zimperlich gehen einige Versicherer zum Beispiel in Großbritannien mit Verkehrssündern um: Wer dort im Straßenverkehr grob die Regeln verletzt, riskiert in heiklen Fällen gar seinen Versicherungsschutz.

Ein schmaler Grat

Die Chancen der Nutzung von Big Data für Versicherungsunternehmen sind groß, genauso groß wie die Bedenken der Datenschützer bei diesem Thema. Sie kritisieren die mangelnde Aufklärung bezüglich Verwendung und Sichtbarkeit der erhobenen Daten. Ebenso positioniert sich die deutsche Regierung. Eine Abgeordnetenanfrage vom Januar 2015 zum Thema Datenerhebung, -speicherung und -verwendung im Versicherungsumfeld kam zu dem Ergebnis, dass jeder, der verhaltensbasierte Daten erheben oder verarbeiten möchte, eine schriftliche Einwilligung des Nutzers benötigt. Bereits eingesetzte Lösungen werden im Hinblick auf die Erfüllung dieser Anforderung geprüft, eine Verschärfung der Rechtslage sei derzeit jedoch nicht vorgesehen.

Die erfassten Mengen an persönlichen und verhaltensbasierten Daten zeichnen ein Stück der Persönlichkeit eines Menschen auf und können dazu dienen, Zusammenhänge zu analysieren. Auf der anderen Seite geht mit der zunehmenden Digitalisierung ein steigender Komfort für die Nutzer einher. Was passieren könnte, zeigt ein Beispielszenario: Im Jahr 2020 möchte eine Mitzwanzigerin nach den ersten Berufsjahren in die private Krankenversicherung wechseln. Bei der Tarifsuche nutzt sie verschiedene Kanäle. Online sucht sie über die zahlreichen und mittlerweile etablierten digitalen Versicherungsanbieter. Sie findet ausschließlich Tarife, bei denen sie über einen Fitnesstracker Gesundheitsdaten wie gelaufene Schritte pro Tag, Schlafzyklen, Blutwerte und Pulsaufzeichnungen preisgeben muss. Das ist ihr zu viel. Sie erinnert sich an den Versicherungsvertreter, zu dem ihre Eltern immer gegangen sind, und macht sich auf den Weg in die Agentur. Doch auch er entgegnet auf ihre Frage nach Tarifen ohne Weitergabe von Gesundheitsdaten: »Das tut mir leid, das war einmal. Heutzutage müssen alle, die in die private Krankenversicherung wollen, ihre Gesundheitsdaten weitergeben. Wie sollen wir denn sonst den passenden Tarif für Sie ermitteln?«

Quelle: Bearing Point

Horrorszenario oder mögliche Zukunft? Was geschieht, wenn die Regulierung die Anforderungen, die aus der Digitalisierung entstehen, nicht effizient löst?

Wenn den deutschen Versicherern im Hinblick auf geplante und sich in der Entwicklung befindliche innovative Produktideen oder Geschäftsmodelle die Hände gebunden werden, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Wettbewerber aus anderen Ländern diese Lücke am Markt schließen. Versicherer ohne derartige Regulierung oder auch Technologiekonzerne wie Apple, Google oder Samsung könnten damit die von der Regulierung betroffenen Versicherer langfristig verdrängen. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat Google bereits mit seiner Investition in das US-Versicherungs-Start-up Oscar Health Insurance gemacht, welches sich stark auf verhaltensbasierte Tarifmodelle fokussiert. Was passiert, wenn auf dieser Datengrundlage neue Versicherungsmodelle konzipiert oder gar ermittelte Risikoprofile an Versicherungsunternehmen verkauft werden, die diesen Regulierungen nicht unterliegen? Ist dieser Gedanke vor dem Hintergrund der heutigen technischen und analytischen Möglichkeiten möglicherweise gar nicht so abwegig?

Viele Versicherer schwanken derzeit zwischen Handlungsdruck, bedingt durch die Datenhoheit des Wettbewerbs, und einer zunehmenden Angst vor Regulierungen durch die Gesetzgebung.

Was zu tun ist

Die von Datenschützern geforderten Richtlinien für eine Vereinheitlichung der Nutzungsrechte von Daten sind ein erster Schritt in Richtung Datensicherheit. Gleichzeitig könnte sich dadurch für betroffene Versicherungsunternehmen die Tür zur Innovation schließen. Doch ein einheitliches länderübergreifendes Datenschutzabkommen schützt nicht vor neuen Marktteilnehmern, die an den Kontrollinstanzen vorbei einfach Teile der Wertschöpfungskette übernehmen – wie dies beispielsweise im Bankensektor bereits geschehen ist.

Starke Restriktionen von Big Data und damit von Innovationen wären für die Weiterentwicklung der Branche fatal und würden den Kampf mit disruptiven Wettbewerbern noch weiter befeuern. Stattdessen ist die Festlegung einer feinen Grenze zwischen Digitalisierung und Regulierung erforderlich, die ein austariertes Verhältnis zwischen dem Schutz der Nutzer und der Förderung der Innovation schafft. Big Data gehört zum 21. Jahrhundert, und eine generelle Regulierung der Datenerhebung und -verwendung kann nicht zielführend sein. Vielmehr sollte der Fokus auf der Schaffung von Transparenz gegenüber den Verbrauchern sowie der Möglichkeit zur aktiven Mitbestimmung durch die Nutzer liegen.

Im Rahmen der Schaffung von Transparenz gilt es, Regeln zu entwickeln, nach denen die Vorhaben der Unternehmen zur Datenerhebung, -speicherung und -nutzung kurz, verständlich und vor allem einheitlich erklärt werden. Mit mehr Mitbestimmung und Transparenz kann im Rahmen von Big Data eine Win-win-Situation für Unternehmen und Kunden geschaffen werden, denn Unternehmen dürfen weiter innovative Lösungen entwickeln, von denen letztendlich auch die Nutzer profitieren. 

Seit ihrer Erfindung stecken Versicherungen in einem Dilemma: Allein der Kunde weiß, wie riskant er für die Assekuranz tatsächlich ist, und die jeweilige Versicherung muss seinen Angaben zum Gesundheitszustand bislang noch entsprechend vertrauen. Der Lösung dieses Problems versuchen die Versicherer nun mithilfe von Big Data, der massenhaften Sammlung und Auswertung von Daten, einen entscheidenden Schritt näher zu kommen.

Verhaltensbasierte Tarifmodelle

Im Umfeld der Krankenversicherungen bieten immer mehr Versicherer Tarife im Zusammenhang mit Fitnesstrackern beziehungsweise Fitness-Apps an. Diese zeichnen beispielsweise Schlafverhalten, Essgewohnheiten, zurückgelegte Schritte oder Vitalzeichen auf und informieren den Nutzer über Leistungsfortschritte. Die Sensorik wird kontinuierlich von IT-Firmen weiterentwickelt, sodass in Zukunft noch sehr viel genauere Daten erhoben werden können. Zum Beispiel hat Google in Zusammenarbeit mit den Eye-Care-Spezialisten der Novartis-Tochter Alcon eine innovative Kontaktlinse hergestellt und mittlerweile lizenziert. Diese misst permanent den Blutzuckerwert in der Tränenflüssigkeit und sendet die Daten an das Smartphone.

Bereits heute hat AXA Frankreich einen Krankenzusatzversicherungstarif entwickelt, bei dem die Versicherten auf freiwilliger Basis an einem Fitnesswettbewerb teilnehmen können. Je nach Aktivität bekommen die Teilnehmer Rabattcoupons, Gutscheine für Medizinchecks oder gar einen Fitnesstracker gratis. Am Ende des Wettbewerbs steht den Versicherten frei, ob sie die gesammelten Gesundheitsdaten AXA zur Verfügung stellen wollen. 

Solche Tarifmodelle sind in einigen Ländern also schon im Einsatz. Andernorts wird ebenfalls verstärkt, aber dennoch vorsichtig in Richtung verhaltensbasierter Tarife gedacht. Neben der Datengewinnung erhoffen sich die Versicherungsunternehmen, die Lebensweise ihrer Versicherten positiv zu beeinflussen. Eine verbesserte körperliche Fitness soll Gesundheitsrisiken senken und in geringeren Ausgaben auf Seiten der Versicherer resultieren. Für die Zukunft ist es denkbar, dass sich die Prämienhöhe nach dem individuellen Aktivitätsgrad eines Versicherten richtet. Im digitalen Zeitalter teilen viele Deutsche ihre Fitnessdaten über soziale Netzwerke. Auch die Marktdurchdringung von Fitness-Apps nimmt kontinuierlich zu. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens YouGov ist jeder Dritte sogar bereit dazu, diese Daten auch seiner Krankenversicherung zugänglich zu machen. So ist Big Data auch in Bezug auf die Leistungserbringung ein großes Thema und spielt eine zunehmend bedeutsame Rolle. Jedoch birgt dies einige Herausforderungen. Betrüger können zum Beispiel durch digitale Manipulation von Rechnungen auf persönliche Daten zugreifen. Spezielle Software zur Betrugserkennung ist notwendig, um diesem Trend entgegenzuwirken. Darüber hinaus werden aus Millionen von Daten die Behandlungsschritte bei bestimmten Krankheitsbildern analysiert. Weicht ein Fall davon ab, schlägt das System Alarm. Der Fall wird genauer untersucht und falsche Abrechnungen werden zurückgewiesen.

Sind die Bedrohungen durch Big Data ernst zu nehmen?

Mit verhaltensbasierten Tarifen ist der Trend in Richtung Individualisierung vorgegeben. Aber wenn jedes einzelne Risiko genau berechenbar ist, was bedeutet das für die Solidargemeinschaft? Dies war immerhin einmal der ursprüngliche Gedanke hinter dem Geschäftsmodell Versicherung.

Versicherungen reagieren derzeit noch mit einer Art von freiwilliger Selbstverpflichtung. Zu hören sind heute Sätze wie: »Wir nutzen die Daten nicht für die Selektion von Neukunden, sondern nur für die Schaffung von Bonussystemen« oder »Daten aus Fitnesstrackern sind vielleicht gut für Rabatte, aber niemals stabil genug für unser Aktuariat«. Aber wird dies auch in den kommenden Jahren so bleiben? Und was bedeutet das für den Kunden?

Mit der dauerhaften Überwachung erlaubt der Versicherte weite Einblicke in seinen Alltag. Es könnten persönliche Verhaltensprofile erstellt werden, deren Bekanntheit möglicherweise nicht im Interesse des Versicherten ist. Der Austausch und mitunter die Abhängigkeit von Daten bergen Risiken der Eigen- und Fremdschädigung. Ein Blick über die Grenzen zeigt bereits heute, dass die erhobenen Daten zu Lasten der Kunden gehen können. Wenig zimperlich gehen einige Versicherer zum Beispiel in Großbritannien mit Verkehrssündern um: Wer dort im Straßenverkehr grob die Regeln verletzt, riskiert in heiklen Fällen gar seinen Versicherungsschutz.

Ein schmaler Grat

Die Chancen der Nutzung von Big Data für Versicherungsunternehmen sind groß, genauso groß wie die Bedenken der Datenschützer bei diesem Thema. Sie kritisieren die mangelnde Aufklärung bezüglich Verwendung und Sichtbarkeit der erhobenen Daten. Ebenso positioniert sich die deutsche Regierung. Eine Abgeordnetenanfrage vom Januar 2015 zum Thema Datenerhebung, -speicherung und -verwendung im Versicherungsumfeld kam zu dem Ergebnis, dass jeder, der verhaltensbasierte Daten erheben oder verarbeiten möchte, eine schriftliche Einwilligung des Nutzers benötigt. Bereits eingesetzte Lösungen werden im Hinblick auf die Erfüllung dieser Anforderung geprüft, eine Verschärfung der Rechtslage sei derzeit jedoch nicht vorgesehen.

Die erfassten Mengen an persönlichen und verhaltensbasierten Daten zeichnen ein Stück der Persönlichkeit eines Menschen auf und können dazu dienen, Zusammenhänge zu analysieren. Auf der anderen Seite geht mit der zunehmenden Digitalisierung ein steigender Komfort für die Nutzer einher. Was passieren könnte, zeigt ein Beispielszenario: Im Jahr 2020 möchte eine Mitzwanzigerin nach den ersten Berufsjahren in die private Krankenversicherung wechseln. Bei der Tarifsuche nutzt sie verschiedene Kanäle. Online sucht sie über die zahlreichen und mittlerweile etablierten digitalen Versicherungsanbieter. Sie findet ausschließlich Tarife, bei denen sie über einen Fitnesstracker Gesundheitsdaten wie gelaufene Schritte pro Tag, Schlafzyklen, Blutwerte und Pulsaufzeichnungen preisgeben muss. Das ist ihr zu viel. Sie erinnert sich an den Versicherungsvertreter, zu dem ihre Eltern immer gegangen sind, und macht sich auf den Weg in die Agentur. Doch auch er entgegnet auf ihre Frage nach Tarifen ohne Weitergabe von Gesundheitsdaten: »Das tut mir leid, das war einmal. Heutzutage müssen alle, die in die private Krankenversicherung wollen, ihre Gesundheitsdaten weitergeben. Wie sollen wir denn sonst den passenden Tarif für Sie ermitteln?«

Quelle: Bearing Point

Horrorszenario oder mögliche Zukunft? Was geschieht, wenn die Regulierung die Anforderungen, die aus der Digitalisierung entstehen, nicht effizient löst?

Wenn den deutschen Versicherern im Hinblick auf geplante und sich in der Entwicklung befindliche innovative Produktideen oder Geschäftsmodelle die Hände gebunden werden, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Wettbewerber aus anderen Ländern diese Lücke am Markt schließen. Versicherer ohne derartige Regulierung oder auch Technologiekonzerne wie Apple, Google oder Samsung könnten damit die von der Regulierung betroffenen Versicherer langfristig verdrängen. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat Google bereits mit seiner Investition in das US-Versicherungs-Start-up Oscar Health Insurance gemacht, welches sich stark auf verhaltensbasierte Tarifmodelle fokussiert. Was passiert, wenn auf dieser Datengrundlage neue Versicherungsmodelle konzipiert oder gar ermittelte Risikoprofile an Versicherungsunternehmen verkauft werden, die diesen Regulierungen nicht unterliegen? Ist dieser Gedanke vor dem Hintergrund der heutigen technischen und analytischen Möglichkeiten möglicherweise gar nicht so abwegig?

Viele Versicherer schwanken derzeit zwischen Handlungsdruck, bedingt durch die Datenhoheit des Wettbewerbs, und einer zunehmenden Angst vor Regulierungen durch die Gesetzgebung.

Was zu tun ist

Die von Datenschützern geforderten Richtlinien für eine Vereinheitlichung der Nutzungsrechte von Daten sind ein erster Schritt in Richtung Datensicherheit. Gleichzeitig könnte sich dadurch für betroffene Versicherungsunternehmen die Tür zur Innovation schließen. Doch ein einheitliches länderübergreifendes Datenschutzabkommen schützt nicht vor neuen Marktteilnehmern, die an den Kontrollinstanzen vorbei einfach Teile der Wertschöpfungskette übernehmen – wie dies beispielsweise im Bankensektor bereits geschehen ist.

Starke Restriktionen von Big Data und damit von Innovationen wären für die Weiterentwicklung der Branche fatal und würden den Kampf mit disruptiven Wettbewerbern noch weiter befeuern. Stattdessen ist die Festlegung einer feinen Grenze zwischen Digitalisierung und Regulierung erforderlich, die ein austariertes Verhältnis zwischen dem Schutz der Nutzer und der Förderung der Innovation schafft. Big Data gehört zum 21. Jahrhundert, und eine generelle Regulierung der Datenerhebung und -verwendung kann nicht zielführend sein. Vielmehr sollte der Fokus auf der Schaffung von Transparenz gegenüber den Verbrauchern sowie der Möglichkeit zur aktiven Mitbestimmung durch die Nutzer liegen.

Im Rahmen der Schaffung von Transparenz gilt es, Regeln zu entwickeln, nach denen die Vorhaben der Unternehmen zur Datenerhebung, -speicherung und -nutzung kurz, verständlich und vor allem einheitlich erklärt werden. Mit mehr Mitbestimmung und Transparenz kann im Rahmen von Big Data eine Win-win-Situation für Unternehmen und Kunden geschaffen werden, denn Unternehmen dürfen weiter innovative Lösungen entwickeln, von denen letztendlich auch die Nutzer profitieren. 

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