Megatrends

Handlungsdruck – die Lotsenfunktion der Berater wird noch wichtiger

© Rawpixel.com / Fotolia
April 18, 2016
Jonas Lünendonk
Geschäftsführer
Lünendonk & Hossenfelder GmbH

»Die Welt befindet sich im Wandel« – trifft dieser Satz nicht immer zu? Allerdings hat die Geschwindigkeit des Wandels deutlich an Fahrt gewonnen. Zwar versuchten die Menschen immer schon, physische Arbeit durch Werkzeug und Hilfsmittel zu reduzieren oder vollständig zu ersetzen. Aber mit der Erfindung der Dampfmaschine nahm diese Entwicklung ihren Schwung erst richtig auf. Durch die Reduzierung der physischen Arbeit in den letzten beiden Jahrhunderten hatten die Menschen die Möglichkeit, sich immer stärker zu spezialisieren. Mit dieser Entwicklung haben auch Produktivität und damit Wohlstand stark zugenommen.

Heute stehen wir durch die zunehmende Digitalisierung nahezu aller Lebensbereiche mitten in einer neuen Revolution, denn Daten sind der neue Rohstoff und die Grundlage für die nächste Revolution – die der intelligenten Systeme und Roboter. Immer mehr Sensoren und Geräte generieren immer mehr Daten – allerdings werden heute schätzungsweise 80 Prozent dieser Daten noch nicht in sinnvoller Weise ausgewertet und gespeichert. Dies wird aber nur eine Frage der Zeit sein, denn Unternehmen wie zum Beispiel IBM haben 30 Milliarden US-Dollar investiert und arbeiten daran, Millionen von Datenpunkten zu sammeln, auszuwerten und auf deren Basis sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Denn je mehr Datenpunkte und Parameter gesammelt werden, desto genauer lässt sich die Wahrscheinlichkeit für zukünftige Entwicklungen, Handlungen, Ereignisse und Trends vorhersagen und desto schneller, effizienter und effektiver werden zukünftig Entscheidungen getroffen werden.

Die Digitalisierung als der Innovationstreiber des 21. Jahrhunderts umfasst aber noch viele weitere Entwicklungen, die alle dieselbe Auswirkung haben: die technologische Transformation. Folgen daraus sind sowohl Veränderungen der Geschäftsmodelle, Unternehmenskonzepte und -strategien als auch eine Verhaltensmodifizierung von Kunden und Nutzern. Dabei ist die Digitalisierung nicht nur eine riesige Chance für Industriebetriebe. Für alle Unternehmensgattungen ergeben sich völlig neue Möglichkeiten, Produkte und Services zu entwickeln, zu vermarkten und Kunden langfristig zu binden.

© Danil Melekhin / iStock

Die Technologie- und Marktzyklen werden um ein Vielfaches kürzer. Das bedeutet in der Konsequenz, dass Wettbewerbsvorsprünge ebenfalls nur noch von kurzer Dauer sind, wenn die Unternehmen sich nicht dauerhaft und quasi in Echtzeit auf Marktveränderungen einstellen. Beispiele von ehemaligen Marktführern, die sich sehr lange auf ihrem Wettbewerbsvorsprung ausruhten und neue Entwicklungen und Wettbewerber lange Zeit ignorierten, gibt es hinreichend. Angefangen bei der Musik- und Filmindustrie über Medien- und Transportunternehmen bis hin zu Hotels, Banken oder Versicherungen. Das Veränderungstempo hat dramatisch zugenommen. Nicht nur auf die Mitarbeiter, sondern auch auf die Führungskräfte kommen hohe Belastungen zu.

Die große Herausforderung der Digitalisierung in Bezug auf das eigene Unternehmen besteht darin, dass die Welt der schnellen und vielen Daten eben nicht nur ein oder zwei Unternehmensbereiche isoliert betrifft, sondern Auswirkungen auf den gesamten Leistungserstellungsprozess, auf verschiedenste Technologien, aber auch auf das Kundenverhalten haben kann. Das Aufgabenspektrum ist breit: Einerseits soll neu gestaltet, andererseits soll nachhaltig gearbeitet werden. Einerseits soll mutig investiert werden, andererseits bleiben Kostenmanagement und kontinuierliche Prozessoptimierung auf der Tagesordnung. Einerseits soll unternehmerisches Risiko eingegangen werden, andererseits sorgen zunehmende Compliance-Richtlinien und weitere Regularien für engere Entscheidungsspielräume und damit verbunden zurückhaltende Entscheidungsfreude. Einerseits soll Wertarbeit geliefert werden, andererseits wird diese Wertarbeit nicht mehr adäquat honoriert. Produktionseffizienz und Lean Administration entwickeln sich zu Schlüsselfaktoren für die Überlebensfähigkeit.

Beispiel Automobilindustrie: Die zunehmende Vernetzung einzelner Bauteile und Komponenten in der Produktion innerhalb von Unternehmensgrenzen und darüber hinweg wird die Produktion weiter flexibilisieren. In Bezug auf das Produkt Auto selbst ergeben sich aber zusätzliche Herausforderungen. Durch den mobilen Zugriff der Kunden auf verschiedene Plattform-Services können Autos ganz einfach gemietet werden. Hier stellen sich die Automobilhersteller die Frage, ob sie zukünftig Autos oder ob sie Mobilität verkaufen und wie sich daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln lässt. Daraus ergibt sich auch die Frage, wie man sich als OEM zukünftig differenzieren kann, wenn der Motor elektrisch ist, das Auto selbst fährt und die Software im Auto für das Infotainment maßgeblich mit den Betriebssystemen von Google und Apple kompatibel sein muss und der OEM nur die Schnittstelle bereitstellt. Ist der OEM dann nur noch der Lieferant von Blech? Für die OEMs besteht hier die Gefahr, den Kontakt und damit den Zugang zum Kunden an neue Wettbewerber zu verlieren.

Die Automobilindustrie soll an dieser Stelle nur als Beispiel für viele weitere Branchen dienen, die sich diesen Fragen in jeweils abgewandelter Form stellen müssen: Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die Produkte und die entsprechende Leistungserstellung? Welche Geschäftschancen bietet die Digitalisierung? Was bedeutet sie für unsere Kunden? Welche Geschäftspotenziale eröffnet sie? Wo profitieren wir als Unternehmen selbst von der Digitalisierung und wo kann sie uns gefährden?

Die beschriebenen Auswirkungen der Digitalisierung werden zu großen Umwälzungen innerhalb der Unternehmen führen; deren Bewältigung wird Ressourcen binden. Darüber dürfen aber nicht weitere Megatrends und Zukunftsfaktoren aus dem Blickfeld geraten, mit denen sich die Unternehmen auseinandersetzen müssen. Hierzu zählen die steigende Urbanisierung, die Forderungen nach Nachhaltigkeit im Umgang mit Ressourcen, die weitere gezielte Internationalisierung sowie die zunehmende Regulierung. An dieser Stelle sei angemerkt, dass regulierende Eingriffe per se nicht negativ sein müssen. Vielmehr wird dadurch versucht, Kunden, Lieferanten, Mitarbeiter und die Umwelt zu schützen sowie neue Qualitäten zu schaffen. Die Politik muss jedoch darauf achten, dass zu viel Regulierung – besonders in Deutschland und Europa – auch zu einem echten Wettbewerbsnachteil für die hier ansässigen Unternehmen werden kann.

Deutschland selbst steht heute wirtschaftlich sehr gut da. Zu Beginn des neuen Jahrtausends galt das Land noch als der alte Mann Europas, heute ist es mit Abstand die stärkste und stabilste Volkswirtschaft in Westeuropa mit einem überdurchschnittlichen Anteil industrieller Fertigung. Allerdings darf man nicht die Augen davor verschließen, dass Deutschland momentan von mehreren Entwicklungen profitiert. An erster Stelle steht hier die Schwäche des Euros, die die wahre Stärke der deutschen Volkswirtschaft nicht widerspiegelt. Gäbe es heute noch die D-Mark, wären deutsche Produkte für die ausländischen Kunden deutlich teurer und damit auch die Nachfrage geringer. Hinzu kommen die geldpolitischen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank, die die Nachfrage nach Vermögenswerten angeheizt hat. Derzeit profitiert Deutschland von dieser Entwicklung, und zum jetzigen Zeitpunkt ist noch keine übermäßige Kreditexpansion zu beobachten, allerdings zeigen sich in einigen Segmenten, zum Beispiel dem Immobilienmarkt, bereits erste Übertreibungen, die langfristige Risiken in sich bergen. Die Nachfrage aus den Schwellenländern hat bereits abgenommen. In Kombination mit einer Kreditblase im Immobiliensegment würde auch der Konsum in Deutschland leiden. Wie schnell sich das Blatt wenden kann, zeigt gerade das Schwellenland Brasilien. Vor drei Jahren galt das Land noch als Wachstumschampion. Heute durchlebt es die schlimmste Rezession seit 100 Jahren – und das Ende ist noch nicht in Sicht. Das Land hat sich zu sehr auf die hohen Rohstoffpreise und den privaten und maßgeblich kreditfinanzierten Konsum verlassen.

Neben der Euroschwäche und den Maßnahmen der EZB profitiert Deutschland als Rohstoffimporteur derzeit auch von den niedrigen Rohstoffpreisen. Wer hätte im Jahr 2014 gedacht, dass der Ölpreis einmal auf rund 30 Dollar je Barrel fallen und dadurch der Konsum deutlich gestärkt würde? Auch der Kupferpreis, stellvertretend für viele andere Industriemetalle, hat seit seinem Hoch im Jahr 2011 von mehr als 10.000 Dollar je Tonne deutlich über 50 Prozent an Wert verloren und notiert nun bei rund 4.500 Dollar. Langfristig werden diese Entwicklungen sich aber wieder umkehren, da der Verbrauch durch eine wachsende Weltbevölkerung weiter steigen wird. Als Importeur solcher Rohstoffe muss Deutschland sich daher schon heute auf zukünftige Entwicklungen vorbereiten und Wege finden, um die Rohstoffversorgung langfristig sicherstellen zu können.

Die drei nur als Beispiele beschriebenen Einflüsse müssen in den kommenden Jahren stets im Auge behalten werden. Ganz oben auf der Agenda vieler Unternehmen steht hierzulande aber derzeit die Demografie. Sie wird als starkes Problem angesehen und weist vielfältige Facetten auf. Zunächst ist zu konstatieren, dass es wegen der geburtenschwachen Jahrgänge in Zukunft mehr Menschen geben wird, die älter als 65 Jahre alt sind, und weniger Menschen, die unter zwanzig Jahre alt sind. Dies führt zu einer Verknappung von Arbeitskräften im deutschen Markt, zu einem Fachkräftemangel in den kommenden 15 Jahren und zu einem damit verbundenen »War for Talents«. Zwar kann die momentane Migration dazu beitragen, den Arbeitskräftemangel etwas zu lindern, dennoch wird einiges an Mitteln nötig sein, um den neuen Mitbürgern die nötigen Fähigkeiten zu vermitteln.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die rückläufige Zahl von Fachkräften langfristig wirklich ein Problem darstellt. Während die einen vermuten, dass es zu der oben skizzierten Engpass-Situation auf dem Arbeitsmarkt kommen wird, glauben die anderen, dass durch längere Lebensarbeitszeiten und Zuwanderung einerseits und die weitere kontinuierliche Produktivitätssteigerung in Deutschland sowie die zunehmende Automatisierung andererseits der Engpass weniger dramatisch sein wird als häufig skizziert. Auf Basis dieser Erkenntnisse kommt es natürlich zu unterschiedlichen Beurteilungen der erforderlichen Konsequenzen für die Unternehmen, je nachdem, wie und wo sie zukünftig ihre Leistungen erstellen und vermarkten möchten. Während die einen sogar von einer notwendigen »Push-Migration« sprechen, sehen die anderen eher keinen dramatischen Handlungsbedarf.

Daneben haben auch weltpolitische Entwicklungen Auswirkungen auf die Unternehmen. Das Aufbrechen alter geopolitischer Blöcke hat nicht den erwarteten Weltfrieden und den endgültigen Sieg des Kapitalismus gebracht. Die abschreckende alte Bipolarität der beiden Blöcke Ost und West ist einer neuen verunsichernden Multipolarität gewichen. Krisen gehören zum Alltag, Kriege rücken näher, politische Entscheidungen werden getroffen und kurze Zeit später wieder revidiert. Schließlich werden die Unternehmen am erfolgreichsten sein, die sich am schnellsten an die ständig neuen Rahmenbedingungen und Kundenanforderungen anpassen können oder ein entsprechendes Risikomanagement betreiben, um stets flexibel zu reagieren.

Alleine werden die Unternehmen nicht in der Lage sein, die beschriebenen Herausforderungen zu meistern. Die geschilderten Einflussfaktoren und deren Auswirkungen auf die Unternehmen werden so gravierend sein, dass Beratungsunternehmen heute und in absehbarer Zeit viel zu tun haben werden. Eine aktuelle Studie von Lünendonk unter 120 Managern zeigt, dass eine der größten Herausforderungen für Unternehmen die Rekrutierung von geeigneten qualifizierten Fachkräften und Experten ist. Hier bietet sich für die Beratungsunternehmen die Chance, kurzfristig hoch qualifizierte Potenziale für Projekte zur Verfügung zu stellen.

In diesen volatilen Zeiten benötigen Unternehmen mehr denn je strategische Unterstützung. Das bedeutet, dass die Strategieberatung eine Renaissance erleben wird. Darüber hinaus werden Beratungsunternehmen auch in Zukunft attraktive Dienstleister sein, wenn sie systematisch Qualifizierung, Training und Erfahrung vermitteln. Moderne Beratungen helfen heute dabei, dass Organisationen sich nicht verändern, sondern sich systematisch entwickeln. Für eine erfolgreiche Entwicklungsarbeit sind neben ökonomischen auch zunehmend gesellschaftliche Entwürfe erforderlich. Der Berater von morgen wird daher Unternehmen, Organisationen und der Politik mit Ideen und Moderationen zur Seite stehen. Es gilt, relevante Ängste und Besorgnisse angemessen aufzunehmen. Die Berater erweitern ihren Aktionshorizont stets systematisch weiter.

Darüber hinaus ergeben sich auch große Chancen für Beratungsunternehmen, insbesondere, wenn sie vor dem Hintergrund von Digitalisierung und Industrie 4.0 in der Lage sind, kombiniert Business und IT-Kompetenz einzubringen. Das Wissen über Branchen, Technologien, Informations- und Kommunikationstechnik muss jedoch heute ergänzt werden um Kreativität und Umsetzungsfähigkeit. Da insbesondere in kleineren Organisationen nicht alle Kompetenzen versammelt sein können, müssen Beratungen ähnlich wie ihre Kunden künftig stärker in Netzwerkstrukturen arbeiten. Dies gilt insbesondere dann, wenn Beratungen als Partner ihrer Kunden die Entwicklung des Auslandsgeschäfts unterstützen. Bei diesem Weg in die Globalisierung ist die Marktnähe heute wichtiger als der kurzfristige Kostenvorteil. Digitalisierung, Automatisierung, Internationalisierung, Wachstum in stagnierenden Märkten und in neuen Regionen – das sind für die nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte fruchtbare Aufgabenfelder für Berater.

Außer Zweifel steht daher, dass gerade in unsicheren und neuen Gewässern die Lotsenfunktion der Beratungen eine zentrale Aufgabe darstellt. Und für gravierende Änderungen ist ein hohes Maß an Offenheit erforderlich, das nicht zuletzt Berater auch in der Vergangenheit geschaffen haben – nicht immer ohne Widerstände und Kritik. Aber wie sagt HRH Prinz Philip, Duke of Edinburgh, so schön: »Wenn man Staub wegpustet, hustet immer jemand.«

»Die Welt befindet sich im Wandel« – trifft dieser Satz nicht immer zu? Allerdings hat die Geschwindigkeit des Wandels deutlich an Fahrt gewonnen. Zwar versuchten die Menschen immer schon, physische Arbeit durch Werkzeug und Hilfsmittel zu reduzieren oder vollständig zu ersetzen. Aber mit der Erfindung der Dampfmaschine nahm diese Entwicklung ihren Schwung erst richtig auf. Durch die Reduzierung der physischen Arbeit in den letzten beiden Jahrhunderten hatten die Menschen die Möglichkeit, sich immer stärker zu spezialisieren. Mit dieser Entwicklung haben auch Produktivität und damit Wohlstand stark zugenommen.

Heute stehen wir durch die zunehmende Digitalisierung nahezu aller Lebensbereiche mitten in einer neuen Revolution, denn Daten sind der neue Rohstoff und die Grundlage für die nächste Revolution – die der intelligenten Systeme und Roboter. Immer mehr Sensoren und Geräte generieren immer mehr Daten – allerdings werden heute schätzungsweise 80 Prozent dieser Daten noch nicht in sinnvoller Weise ausgewertet und gespeichert. Dies wird aber nur eine Frage der Zeit sein, denn Unternehmen wie zum Beispiel IBM haben 30 Milliarden US-Dollar investiert und arbeiten daran, Millionen von Datenpunkten zu sammeln, auszuwerten und auf deren Basis sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Denn je mehr Datenpunkte und Parameter gesammelt werden, desto genauer lässt sich die Wahrscheinlichkeit für zukünftige Entwicklungen, Handlungen, Ereignisse und Trends vorhersagen und desto schneller, effizienter und effektiver werden zukünftig Entscheidungen getroffen werden.

Die Digitalisierung als der Innovationstreiber des 21. Jahrhunderts umfasst aber noch viele weitere Entwicklungen, die alle dieselbe Auswirkung haben: die technologische Transformation. Folgen daraus sind sowohl Veränderungen der Geschäftsmodelle, Unternehmenskonzepte und -strategien als auch eine Verhaltensmodifizierung von Kunden und Nutzern. Dabei ist die Digitalisierung nicht nur eine riesige Chance für Industriebetriebe. Für alle Unternehmensgattungen ergeben sich völlig neue Möglichkeiten, Produkte und Services zu entwickeln, zu vermarkten und Kunden langfristig zu binden.

© Danil Melekhin / iStock

Die Technologie- und Marktzyklen werden um ein Vielfaches kürzer. Das bedeutet in der Konsequenz, dass Wettbewerbsvorsprünge ebenfalls nur noch von kurzer Dauer sind, wenn die Unternehmen sich nicht dauerhaft und quasi in Echtzeit auf Marktveränderungen einstellen. Beispiele von ehemaligen Marktführern, die sich sehr lange auf ihrem Wettbewerbsvorsprung ausruhten und neue Entwicklungen und Wettbewerber lange Zeit ignorierten, gibt es hinreichend. Angefangen bei der Musik- und Filmindustrie über Medien- und Transportunternehmen bis hin zu Hotels, Banken oder Versicherungen. Das Veränderungstempo hat dramatisch zugenommen. Nicht nur auf die Mitarbeiter, sondern auch auf die Führungskräfte kommen hohe Belastungen zu.

Die große Herausforderung der Digitalisierung in Bezug auf das eigene Unternehmen besteht darin, dass die Welt der schnellen und vielen Daten eben nicht nur ein oder zwei Unternehmensbereiche isoliert betrifft, sondern Auswirkungen auf den gesamten Leistungserstellungsprozess, auf verschiedenste Technologien, aber auch auf das Kundenverhalten haben kann. Das Aufgabenspektrum ist breit: Einerseits soll neu gestaltet, andererseits soll nachhaltig gearbeitet werden. Einerseits soll mutig investiert werden, andererseits bleiben Kostenmanagement und kontinuierliche Prozessoptimierung auf der Tagesordnung. Einerseits soll unternehmerisches Risiko eingegangen werden, andererseits sorgen zunehmende Compliance-Richtlinien und weitere Regularien für engere Entscheidungsspielräume und damit verbunden zurückhaltende Entscheidungsfreude. Einerseits soll Wertarbeit geliefert werden, andererseits wird diese Wertarbeit nicht mehr adäquat honoriert. Produktionseffizienz und Lean Administration entwickeln sich zu Schlüsselfaktoren für die Überlebensfähigkeit.

Beispiel Automobilindustrie: Die zunehmende Vernetzung einzelner Bauteile und Komponenten in der Produktion innerhalb von Unternehmensgrenzen und darüber hinweg wird die Produktion weiter flexibilisieren. In Bezug auf das Produkt Auto selbst ergeben sich aber zusätzliche Herausforderungen. Durch den mobilen Zugriff der Kunden auf verschiedene Plattform-Services können Autos ganz einfach gemietet werden. Hier stellen sich die Automobilhersteller die Frage, ob sie zukünftig Autos oder ob sie Mobilität verkaufen und wie sich daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln lässt. Daraus ergibt sich auch die Frage, wie man sich als OEM zukünftig differenzieren kann, wenn der Motor elektrisch ist, das Auto selbst fährt und die Software im Auto für das Infotainment maßgeblich mit den Betriebssystemen von Google und Apple kompatibel sein muss und der OEM nur die Schnittstelle bereitstellt. Ist der OEM dann nur noch der Lieferant von Blech? Für die OEMs besteht hier die Gefahr, den Kontakt und damit den Zugang zum Kunden an neue Wettbewerber zu verlieren.

Die Automobilindustrie soll an dieser Stelle nur als Beispiel für viele weitere Branchen dienen, die sich diesen Fragen in jeweils abgewandelter Form stellen müssen: Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die Produkte und die entsprechende Leistungserstellung? Welche Geschäftschancen bietet die Digitalisierung? Was bedeutet sie für unsere Kunden? Welche Geschäftspotenziale eröffnet sie? Wo profitieren wir als Unternehmen selbst von der Digitalisierung und wo kann sie uns gefährden?

Die beschriebenen Auswirkungen der Digitalisierung werden zu großen Umwälzungen innerhalb der Unternehmen führen; deren Bewältigung wird Ressourcen binden. Darüber dürfen aber nicht weitere Megatrends und Zukunftsfaktoren aus dem Blickfeld geraten, mit denen sich die Unternehmen auseinandersetzen müssen. Hierzu zählen die steigende Urbanisierung, die Forderungen nach Nachhaltigkeit im Umgang mit Ressourcen, die weitere gezielte Internationalisierung sowie die zunehmende Regulierung. An dieser Stelle sei angemerkt, dass regulierende Eingriffe per se nicht negativ sein müssen. Vielmehr wird dadurch versucht, Kunden, Lieferanten, Mitarbeiter und die Umwelt zu schützen sowie neue Qualitäten zu schaffen. Die Politik muss jedoch darauf achten, dass zu viel Regulierung – besonders in Deutschland und Europa – auch zu einem echten Wettbewerbsnachteil für die hier ansässigen Unternehmen werden kann.

Deutschland selbst steht heute wirtschaftlich sehr gut da. Zu Beginn des neuen Jahrtausends galt das Land noch als der alte Mann Europas, heute ist es mit Abstand die stärkste und stabilste Volkswirtschaft in Westeuropa mit einem überdurchschnittlichen Anteil industrieller Fertigung. Allerdings darf man nicht die Augen davor verschließen, dass Deutschland momentan von mehreren Entwicklungen profitiert. An erster Stelle steht hier die Schwäche des Euros, die die wahre Stärke der deutschen Volkswirtschaft nicht widerspiegelt. Gäbe es heute noch die D-Mark, wären deutsche Produkte für die ausländischen Kunden deutlich teurer und damit auch die Nachfrage geringer. Hinzu kommen die geldpolitischen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank, die die Nachfrage nach Vermögenswerten angeheizt hat. Derzeit profitiert Deutschland von dieser Entwicklung, und zum jetzigen Zeitpunkt ist noch keine übermäßige Kreditexpansion zu beobachten, allerdings zeigen sich in einigen Segmenten, zum Beispiel dem Immobilienmarkt, bereits erste Übertreibungen, die langfristige Risiken in sich bergen. Die Nachfrage aus den Schwellenländern hat bereits abgenommen. In Kombination mit einer Kreditblase im Immobiliensegment würde auch der Konsum in Deutschland leiden. Wie schnell sich das Blatt wenden kann, zeigt gerade das Schwellenland Brasilien. Vor drei Jahren galt das Land noch als Wachstumschampion. Heute durchlebt es die schlimmste Rezession seit 100 Jahren – und das Ende ist noch nicht in Sicht. Das Land hat sich zu sehr auf die hohen Rohstoffpreise und den privaten und maßgeblich kreditfinanzierten Konsum verlassen.

Neben der Euroschwäche und den Maßnahmen der EZB profitiert Deutschland als Rohstoffimporteur derzeit auch von den niedrigen Rohstoffpreisen. Wer hätte im Jahr 2014 gedacht, dass der Ölpreis einmal auf rund 30 Dollar je Barrel fallen und dadurch der Konsum deutlich gestärkt würde? Auch der Kupferpreis, stellvertretend für viele andere Industriemetalle, hat seit seinem Hoch im Jahr 2011 von mehr als 10.000 Dollar je Tonne deutlich über 50 Prozent an Wert verloren und notiert nun bei rund 4.500 Dollar. Langfristig werden diese Entwicklungen sich aber wieder umkehren, da der Verbrauch durch eine wachsende Weltbevölkerung weiter steigen wird. Als Importeur solcher Rohstoffe muss Deutschland sich daher schon heute auf zukünftige Entwicklungen vorbereiten und Wege finden, um die Rohstoffversorgung langfristig sicherstellen zu können.

Die drei nur als Beispiele beschriebenen Einflüsse müssen in den kommenden Jahren stets im Auge behalten werden. Ganz oben auf der Agenda vieler Unternehmen steht hierzulande aber derzeit die Demografie. Sie wird als starkes Problem angesehen und weist vielfältige Facetten auf. Zunächst ist zu konstatieren, dass es wegen der geburtenschwachen Jahrgänge in Zukunft mehr Menschen geben wird, die älter als 65 Jahre alt sind, und weniger Menschen, die unter zwanzig Jahre alt sind. Dies führt zu einer Verknappung von Arbeitskräften im deutschen Markt, zu einem Fachkräftemangel in den kommenden 15 Jahren und zu einem damit verbundenen »War for Talents«. Zwar kann die momentane Migration dazu beitragen, den Arbeitskräftemangel etwas zu lindern, dennoch wird einiges an Mitteln nötig sein, um den neuen Mitbürgern die nötigen Fähigkeiten zu vermitteln.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die rückläufige Zahl von Fachkräften langfristig wirklich ein Problem darstellt. Während die einen vermuten, dass es zu der oben skizzierten Engpass-Situation auf dem Arbeitsmarkt kommen wird, glauben die anderen, dass durch längere Lebensarbeitszeiten und Zuwanderung einerseits und die weitere kontinuierliche Produktivitätssteigerung in Deutschland sowie die zunehmende Automatisierung andererseits der Engpass weniger dramatisch sein wird als häufig skizziert. Auf Basis dieser Erkenntnisse kommt es natürlich zu unterschiedlichen Beurteilungen der erforderlichen Konsequenzen für die Unternehmen, je nachdem, wie und wo sie zukünftig ihre Leistungen erstellen und vermarkten möchten. Während die einen sogar von einer notwendigen »Push-Migration« sprechen, sehen die anderen eher keinen dramatischen Handlungsbedarf.

Daneben haben auch weltpolitische Entwicklungen Auswirkungen auf die Unternehmen. Das Aufbrechen alter geopolitischer Blöcke hat nicht den erwarteten Weltfrieden und den endgültigen Sieg des Kapitalismus gebracht. Die abschreckende alte Bipolarität der beiden Blöcke Ost und West ist einer neuen verunsichernden Multipolarität gewichen. Krisen gehören zum Alltag, Kriege rücken näher, politische Entscheidungen werden getroffen und kurze Zeit später wieder revidiert. Schließlich werden die Unternehmen am erfolgreichsten sein, die sich am schnellsten an die ständig neuen Rahmenbedingungen und Kundenanforderungen anpassen können oder ein entsprechendes Risikomanagement betreiben, um stets flexibel zu reagieren.

Alleine werden die Unternehmen nicht in der Lage sein, die beschriebenen Herausforderungen zu meistern. Die geschilderten Einflussfaktoren und deren Auswirkungen auf die Unternehmen werden so gravierend sein, dass Beratungsunternehmen heute und in absehbarer Zeit viel zu tun haben werden. Eine aktuelle Studie von Lünendonk unter 120 Managern zeigt, dass eine der größten Herausforderungen für Unternehmen die Rekrutierung von geeigneten qualifizierten Fachkräften und Experten ist. Hier bietet sich für die Beratungsunternehmen die Chance, kurzfristig hoch qualifizierte Potenziale für Projekte zur Verfügung zu stellen.

In diesen volatilen Zeiten benötigen Unternehmen mehr denn je strategische Unterstützung. Das bedeutet, dass die Strategieberatung eine Renaissance erleben wird. Darüber hinaus werden Beratungsunternehmen auch in Zukunft attraktive Dienstleister sein, wenn sie systematisch Qualifizierung, Training und Erfahrung vermitteln. Moderne Beratungen helfen heute dabei, dass Organisationen sich nicht verändern, sondern sich systematisch entwickeln. Für eine erfolgreiche Entwicklungsarbeit sind neben ökonomischen auch zunehmend gesellschaftliche Entwürfe erforderlich. Der Berater von morgen wird daher Unternehmen, Organisationen und der Politik mit Ideen und Moderationen zur Seite stehen. Es gilt, relevante Ängste und Besorgnisse angemessen aufzunehmen. Die Berater erweitern ihren Aktionshorizont stets systematisch weiter.

Darüber hinaus ergeben sich auch große Chancen für Beratungsunternehmen, insbesondere, wenn sie vor dem Hintergrund von Digitalisierung und Industrie 4.0 in der Lage sind, kombiniert Business und IT-Kompetenz einzubringen. Das Wissen über Branchen, Technologien, Informations- und Kommunikationstechnik muss jedoch heute ergänzt werden um Kreativität und Umsetzungsfähigkeit. Da insbesondere in kleineren Organisationen nicht alle Kompetenzen versammelt sein können, müssen Beratungen ähnlich wie ihre Kunden künftig stärker in Netzwerkstrukturen arbeiten. Dies gilt insbesondere dann, wenn Beratungen als Partner ihrer Kunden die Entwicklung des Auslandsgeschäfts unterstützen. Bei diesem Weg in die Globalisierung ist die Marktnähe heute wichtiger als der kurzfristige Kostenvorteil. Digitalisierung, Automatisierung, Internationalisierung, Wachstum in stagnierenden Märkten und in neuen Regionen – das sind für die nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte fruchtbare Aufgabenfelder für Berater.

Außer Zweifel steht daher, dass gerade in unsicheren und neuen Gewässern die Lotsenfunktion der Beratungen eine zentrale Aufgabe darstellt. Und für gravierende Änderungen ist ein hohes Maß an Offenheit erforderlich, das nicht zuletzt Berater auch in der Vergangenheit geschaffen haben – nicht immer ohne Widerstände und Kritik. Aber wie sagt HRH Prinz Philip, Duke of Edinburgh, so schön: »Wenn man Staub wegpustet, hustet immer jemand.«

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